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Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe

Über das Private, Roman

In ihrem ersten Erinnerungsbuch Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen erzählt Margit Schreiner von der siebenjährigen Margit, die sich ein Dackelmädchen namens Bella erfindet, das nie von ihrer Seite weicht. In Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe besetzt ein paar Jahre später ein Maharadscha ihre Fantasien, während das Mädchen ihm als Panther zu Füßen liegt. Doch auch diese wunderbare Zeit endete irgendwann, »und ich saß an meinem Schreibtisch und löste Rechenaufgaben«.
Aus der Entfernung des siebten Lebensjahrzehnts beobachtet und beschreibt Margit Schreiner lakonisch und mit viel Empathie das Mädchen, das sie einmal war: das aufs Gymnasium geht, neue Freunde findet, sich politisiert, erste Erfahrungen mit der Sexualität macht und schließlich die Schule beendet. »Ich hatte es ja schon in meiner Kindheit geahnt, dass die Tatsache, eine Frau zu sein, mit ununterbrochenen Demütigungen einhergehen würde. Aber dass es so weit gehen würde ...«
Auch für dieses Buch gilt, was Anton Thuswaldner in Literatur und Kritik feststellte: »Schreiner ist die Aufmüpfigkeitskönigin der österreichischen Literatur.« Gespannt erwartet man nach der Lektüre die Fortsetzung des immer turbulenter werdenden Lebens.

„Alles wäre leichter gewesen, wenn man die Sache mit der Pubertät auf den Punkt gebracht hätte. Nur dass der Punkt in dieser Angelegenheit entsetzlich peinlich war. Es gab anscheinend keine Worte dafür, die nicht peinlich gewesen wären. Nicht einmal Meyers Lexikon fand sie. Allein das Wort „Geschlechtsreife“ ist ja schon eine Zumutung. Grauslich irgendwie. Das Geschlecht, das reift, stellt man sich schnell einmal wie das Hinterteil eines Pavians vor, das knallrot wird und anschwillt. Oder wie überreife Früchte, die vom Baum fallen und am Boden zermatscht vor sich hin gären. Dazu kommen Ausdrücke wie Fortpflanzungsorgane, noch dazu funktionsfähige, Achsel- und Schamhaare.“ (S.9)

Der zweite Band der Tetralogie „Über das Private“ mit dem Titel „Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe“ handelt in der Zeit zwischen 1963 und 1971, meine Gymnasialzeit. Im ersten Roman „Vater. Mutter Kind. Kriegserklärungen“ war für mich die Parallelen zwischen dem 7. Lebensjahr – Einschulung – und dem siebten Lebensjahrzehnt – Herausfallen aus dem Arbeitsprozess – interessant. „In Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe“ das Zusammenfallen meiner eigenen Pubertät mit der politischen Pubertät der 68er Bewegung. Nun ist die Zeit der Pubertät ohnehin eine Zeit größter Verwirrung und voller Peinlichkeiten, hier kommt aber noch hinzu, dass zwei grundsätzlich verschiedene Wertsysteme aufeinanderprallen. Nämlich die der 50er und frühen 60er Jahre, in denen alles Private geheim gehalten wurde und mit Ende der 60er Jahre auf einmal die Aufforderung, alles Private offenzulegen. Meine Eltern hatten mir nicht einmal erzählt, was sie wählten. Alles war so geheim. Schwächen, Behinderungen, Sexualität sowieso. Und auf einmal heißt der Slogan der 68er Bewegung „Alles Private ist politisch.“ Das ging hauptsächlich von den Frauen aus, die größtes Interesse an der Lüftung der Familiengeheimnisse hatten. Gewalt in den Familien, besonders Rollenbilder etc. Aber alles war zwiespältig. Ein – männlicher - Slogan war zum Beispiel „Wer zweimal mir derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Frauen, die das nicht wollten, gerieten plötzlich unter Druck, nicht cool genug zu sein.

Das Interessante ist für mich der ganz subjektive Blick auf die 60er und 70er Jahre. Man kann über die Zeit historisch, psychologisch, politisch sprechen. Aber das ist immer eine Verallgemeinerung. Ganz subjektiv kann das nur die Literatur, die den Blick des Lesers auf seine eigenen subjektive Erfahrungen lenkt.

„Die verschärfte Erinnerungsfähigkeit im Alter kann vielleicht so geschliffen, zugespitzt und abgebeizt werden, dass Ereignisse zum Vorschein kommen, die es gar nicht gegeben hat. Mein Ziel ist die Erinnerung, die die Erinnerungen anderer Menschen einbezieht, eine generationsübergreifende Autobiographie sozusagen…Was mir bleibt ist die Hoffnung, dass in ihr trotz allem der Funke enthalten ist, der in die Gegenwart springt. Vielleicht liegt die Zukunft ja in der Vergangenheit. Als wir uns noch gespürt haben und das warme Gras unter der Fußsohle, und als wir die Welt noch ändern wollten.“ (S. 98)

Aktuelle Termine & Lesungen

Linz: Donnerstag, 03. März 2022, 19.30 Uhr
liest aus: »Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe«
Buchpremiere! Margit Schreiner liest im Stifter Haus Linz

zum ersten Mal aus ihrem neuen Roman "Mütter.Väter.Männer.Klassenkämpfe", moderiert von Daniela Strigl.

Adalbert-Stifter-Platz 1, 4020 Linz, Österreich

 

Wien: Dienstag, 22.März 2022 um 19 Uhr

liest aus: »Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe«

in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur

im Palais Wilczek, Herrengasse 5, 1010 Wien.

 

"Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen"

heißt der neue Roman von Margit Schreiner, der Anfang Februar 2021 im Schöffling Verlag erscheint.

„Ich glaube das siebte Lebensjahr des Menschen wird gnadenlos unterschätzt. Alle starren immer nur auf die Pubertät, aber die Pubertät beginnt im Grunde viel früher. Es muss sich erst einmal vieles ansammeln, bis es dann explosionsartig austritt.“ So beginnt das neue Buch von Margit Schreiner, in dem es nicht nur um die Entwicklung der Siebenjährigen geht, sondern auch um den Blick der erwachsenen auf das Kind, das sie einmal war.

„Was habe ich eigentlich, sechsundsechzigjährig, in einem Haus am Rande eines Naturschutzgebietes sitzend und schreibend, mit einer Siebenjährigen zu tun? Erfinde ich diese Siebenjährige, indem ich über sie schreibe, oder hat es sie wirklich gegeben, und wenn ja, war sie vielleicht ganz anders, als ich sie beschreibe? Ist auch nur irgendetwas daran real oder sind es Chimären am Horizont eines glasklaren Föhntages? Wenn ich mich vor den Spiegel stelle, kann ich keine Spur dieser Siebenjährigen in meinem Gesicht entdecken. Alles nur in meinem Kopf, seinem Universum und den Paralleluniversen.“

„Die alte Angst habe ich immer noch. Ich wache morgens auf und sie ist plötzlich da. Wie in meiner Kindheit. Vielleicht habe ich ja damals Angst gehabt, weil ich noch so jung war und habe jetzt Angst, weil ich schon so alt bin. Alle Zustände, die von außen betrachtet gleichbleiben, sind ja, von innen her betrachtet, grundverschieden. Weil sich die Angst mit der jeweiligen Situation, in der wir uns befinden, verändert. Und diese Änderung geht dann in alle folgenden Ängste ein und verändert sie wiederum. Alle Erinnerungen sind so gebaut. Und wir selbst nichts als Erinnerung.“

Margit Schreiner schreibt mit Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen ein großes Lebensprojekt, ein Buch der Kindheit, des Erinnern und ein Buch des Erwachsenwerdens, wie es in der deutschsprachigen Literatur bislang keines gibt. (Vorschau Frühjahr 2021 des Verlages Schöffling & Co.)

 

Kein Platz mehr - Ausmisten mit Margit Schreiner

"Ausmisten mit Margit Schreiner" in der ORF2 Sendung kulturMontag vom 12. Februar 2018

"Kein Platz mehr"

Das neue Buch von Margit Schreiner ist seit 6. Februar 2018 im Buchhandel erhältlich.