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Haus, Friedens, Bruch Haus, Friedens. Bruch (Taschenbuch)

Haus, Friedens, Bruch

Schöffling & Co 2007
ISBN 9-783895-61277-0
D: € 18,90
A: € 19,50
CH: SFR 33,80

Impressum

»Ein Schriftsteller muss sein wie seine Leser. Dann hat er auch Probleme wie seine Leser und muss keine Probleme erfinden, die ja doch niemanden interessieren, weil niemand außer dem Schriftsteller sie hat. Ein Schriftsteller kann gar nicht genug Probleme haben.«

In Margit Schreiners neuem Roman HAUS, FRIEDENS, BRUCH. wird nichts und niemand geschont. Unerbittlich, gnadenlos, messerscharf und bitterböse spricht die Erzählerin über die Nachbarn, die Literaturkritiker, die Jugend und die Alten, die Gläubigen und die Sandler und immer wieder über unglückliche und glückliche Paare.

»Vielleicht ist es ja das eigentliche Ziel der Literatur, die Literatur aufzulösen. Eine eigene Wirklichkeit zu schaffen. Vielleicht nicht unbedingt eine bessere, aber eine andere. In der endlich alles ausgesprochen werden kann.«

Und in der Tat spricht Margit Schreiner in ihrem neuen Buch alles aus: HAUS, FRIEDENS, BRUCH. ist ein furioses Stück Rollenprosa, ein Höhepunkt im Werk einer der großen österreichischen Autorinnen, ein hinreißendes Buch der Einsicht über Macht und Glück und warum nichts klappt.

Erhältlich ab: Ende Juli

Text: Schöffling & Co 2007

Interview zu Haus, Friedens, Bruch

Haus, Friedens, Bruch. Der Titel Ihres neuen Buchs erinnert unterschwellig sofort an Ihren Roman in Rollenprosa „Haus, Frauen, Sex“. Haben die beiden Bücher außer, dass sie beide in Rollenprosa abgefasst sind, sonst noch etwas miteinander gemein?
Ja, und zwar, dass sie von mir geschrieben worden sind.

Und andere Gemeinsamkeiten?
Letztlich keine. Ich wurde nach  Lesungen aus „Haus, Frauen, Sex“ oft gefragt, ob ich nicht in einem nächsten Buch die Frau des  monologisierenden Protagonisten, Marie-Therese,  endlich zu Wort kommen lassen möchte. Ich habe das immer abgelehnt.

Und trotzdem ist ein Buch entstanden, das notgedrungen mit „Haus, Frauen, Sex“ in Verbindung gebracht werden kann?
Immerhin habe ich nach  „Haus, Frauen, Sex“(2001)  zwei weitere Bücher geschrieben, „Heißt lieben“(2003)  und „Buch der Enttäuschungen“(2005). Wenn es so etwas wie eine Anknüpfung gibt, dann eher an das „Buch der Enttäuschungen“. Nach diesem Buch dachte ich, dass ich nie wieder eines schreiben würde können. Und tatsächlich hatte ich  nach diesem Buch eine Schreibkrise. (…) Und jedes Buch ist ja eine ungeheuerliche Anstrengung, ich hatte ganz einfach keine Kraft mehr; außerdem hat mich überrascht, wie oft der in diesem Buch auffindbare Humor nicht wahrgenommen wurde, weil schon der Titel viele abschreckte. Ich erinnere mich noch, wie Harald Schmidt bei Elke Heidenreich im ZDF bekannte, das Buch nicht gelesen zu haben, weil er den Titel als Abschreckung empfand.

In „Haus, Friedens, Bruch“ geht es...
... geht es um eine allein erziehende Mutter, die in ihrer Wohnung lebt und den ganzen Tag versucht, sich zu entspannen. Beruflich ist sie Schriftstellerin.
An sie werden Forderungen gestellt, Anforderungen, die sie nicht erfüllen will.
Weder beruflich vor dem Literaturbetrieb mit seinen – zum Teil – absurden Forderungen, Vorstellungen und Angepasstheiten, noch vor  ihren Schriftstellerkollegen, noch vor Freunden und Familienangehörigen, die alle fixe Lebenskonzepte haben, die – so wie damals bei Franz in „Haus, Frauen, Sex“ – alle anderen Lebenskonzepte ausschließen.  Die Auseinandersetzungen, zum Teil arten sie in Attacken aus, finden in ihrem Kopf statt.

Ein Unterschied zwischen den beiden Büchern könnte also sein: In „Haus, Friedens, Bruch“ findet eine Auseinandersetzung im Kopf statt, in „Haus, Frauen, Sex“ real. Viele Figuren Ihrer früheren Bücher scheinen zu einem Gegenschlag auszuholen, sie trachten nach einer Revanche. Der Zauberlehrling kann die Geister nicht mehr bannen, sie haben sich selbstständig gemacht. Übrigens, wie mir scheint, auch die Ich-Erzählerin…
Auch in „Haus, Frauen, Sex“ passiert fast alles im Kopf. Das Leben verlangt uns, ungehindert aller Schicksalsschläge, einen Optimismus ab, der stets an unsere Grenzen geht. Franz in „Haus, Frauen Sex“ bedient sich gängiger Rechtfertigungsstrategien. „Haus, Friedens, Bruch“ ist auch radikaler, absurder, innerlicher, introvertierter...

Irgendwie könnten Leser den Eindruck bekommen, sie lesen ein ultimatives, allerallerletztes Buch, eine Lebensbilanz... Memoiren.
Jedes Buch sollte so geschrieben sein, als ob es das ultimative ist. Ob das gelingt, entscheiden nicht immer die Autorinnen, das können sie auch nicht erzwingen, dafür sorgt schon der Literaturbetrieb...

Die Frage nach dem Autobiographischen ist nicht neu, und Sie beantworten sie oft damit, dass alles zu neunundneunzig Prozent erfunden und zu neunundneunzig Prozent wahr sei. Bei Ihrem neuen Buch werden Sie sich sicher die Frage gefallen lassen müssen, was Sie darin erfunden haben und was nicht. Etwa, ob Sie auch Alleinerzieherin sind.
Warum werde ich mir die Frage gefallen lassen müssen? Alle Mütter sind Alleinerzieher. Ich habe kürzlich einen Text geschrieben „Allein erziehend? Nichts leichter als das“. Ich glaube nicht, dass meine Probleme andere sind, als die Probleme vorgeblicher Nichtalleinerzieherinnen und mein Beruf so ganz andere Probleme hat wie etwa derjenige des Schusters. Beide sind vom Aussterben bedroht.

Im vorliegenden Fall scheint jedenfalls eine Radikalisierung der Offenlegungen zu passieren. Die Ich-Erzählerin scheut sich nicht, alles auszusprechen und macht auch vor sich selbst nicht halt.
Manchmal denke ich, ich selbst bin meine eigene Erfindung. Ich meine, wir legen Daten fest: Geburt, Schulzeit, Studium, Aufenthalte im Ausland, Beziehungen von bis und richten uns dann unser Leben lang danach. Von Eltern, Verwandten, Freunden erzählte Ereignisse werden über die Jahre zu „wahren“ Ereignissen. Kindheitsfotografien verselbständigen sich zu scheinbar eigenen Erinnerungen. Genauso wie sich diese Ereignisse, egal wo sie herkommen, im Laufe unseres Lebens verändern, je nachdem auf welcher Entwicklungsstufe wir uns befinden oder welche akuten Probleme wir gerade haben. Haben wir vermeintlich gerade gar keine Probleme, werden sich problematische Ereignisse ebenfalls verändern, vielleicht entproblematisieren. Was nicht heißen muss, dass sie verschwinden.
Von einem Schriftsteller, der ja über das Leben berichtet, verlange ich, dass er sich seinem mehr oder weniger erfundenen Leben stellt. Die Nachrichten, die Wissenschaft, die Medien, die Psychologie haben der Literatur nach und nach Fachgebiete abgenommen. Über das Ich in dieser komplizierten Wirklichkeit, in der niemandem dem Menschen die Schuld abnimmt, die er unweigerlich auf sich lädt im Laufe seines Lebens, kann jenseits von Verallgemeinerung und Religion nur die Literatur Auskunft geben. Deshalb heißt es in „Haus, Friedens, Bruch“: „Ein Schriftsteller kann gar nicht genug Probleme haben.“

Im Buch steht eine Frau im Mittelpunkt, die sich vornimmt, dass alles anders wird. Sie ist beruflich Schriftstellerin und befindet sich in einer Phase der Schreibhemmung. Immer wieder wird das Schreiben thematisiert..
Ja, das ist schon seit längerem verpönt in der Literatur. Man bezeichnet das als Nabelschau und fordert mehr Welthaltigkeit in der deutschsprachigen  Gegenwartsliteratur. Aber warum sollte die Beschäftigung mit einem Beruf wie Zahnarzt, Börsenmakler, Universitätsassistent,  Forscher, Detektiv  oder Mörder mehr Welthaltigkeit haben? Es war einmal eine Binsenweisheit in der Literaturrezeption, dass es auf das Wie ankommt, nicht auf das Was. Im Übrigen spielt gerade in der von uns oft beneideten fremdsprachigen Literatur, sowohl in der englischen als auch in der amerikanischen Literatur die Reflexion des Schreibprozesses traditionell eine große Rolle.

Sie räumen den Lesern aber auch eine wichtigere Rolle zu…
Meine Prämisse war immer, dass der Schriftsteller sich nicht wesentlich von seinen Lesern unterscheidet, außer, dass er eben schreibt. Die wesentlichen Probleme, die wir haben, Liebe, Alter, Niedergang, Geburt, Tod, Versagen, hat, privat und gesellschaftlich, der Schriftsteller wie alle anderen auch. Es ist eine Temperamentssache, ob er sich dazu eine Folie sucht, auf der er davon berichtet,  oder ob er es direkt angeht. Und wir alle sehen uns einem andauernden Anpassungsdruck ausgesetzt. Dem habe ich mich diesmal radikal entgegen gesetzt. Mit allen Konsequenzen.

Die Ich-Erzählerin will in ihrem Leben wieder zurecht kommen. Nach einer Phase der Niedergeschlagenheit entwirft sie Strategien, mit denen sie auf Besserung hoffen kann. Da wird vieles wichtig: Beobachtungen von glücklichen und unglücklichen Paaren, ein Sessel, der Wohlbehagen erzeugt – er ziert auch das Buchcover.
Erkenntnis beruht ja bekanntlich meistens auf dem Vergleich. Hätten wir keine -irritierenden- Vergleiche mit anderen Lebensentwürfen, Lebensformen, Denkformen, Gesellschaftssystemen würden wir erstarren. Eine Tendenz, die wir heute wieder beobachten können: Der Mensch, der sich nicht dem „common sense“ fügt, dass zum Beispiel unsere westliche Lebensform die beste, der Neoliberalismus die einzige, das Tele-Banking die intelligenteste und Flexibilität die klügste Lebensform ist, gilt als unflexibel, statisch, ja dumm. Dazu kommen Klischees aus der Werbung und den Fernsehserien – und Werbung und Fernsehserie produzieren heute ausschließlich Klischees –  dass die Liebe beispielsweise auf Übereinstimmung beruht. Dabei widerspricht sie der gesellschaftlichen Tendenz nach Flexibilität (er arbeitet fünf Monate in Köln, sie in Wiener Neustadt!). Das alles strengt natürlich an. Da ist es schon gut, wenn man einen bequemen Stuhl zu Hause hat. Und ein Zimmer mit Aussicht.

Nochmals zur Ironie. Vielfach wurde bei Ihrem „Buch der Enttäuschungen“ die Ironie übersehen, die wie in allen Ihren Büchern die Leser zum Schmunzeln bringt, obwohl die existenzielle Ernsthaftigkeit der angesprochenen Themen auf der Hand liegt. Ein wenig ähnlich könnte es jetzt bei „Haus, Friedens, Bruch“ werden. Noch dazu: Es ist freilich aggressiver und angriffslustiger…
Ja, es ist ein befreiender Rundumschlag gegen reale und vermeintliche Zwänge. Wer in Zwangssystemen leben bleibt, wird von den Zwängen erstickt, die er sich – ich gehe immer noch von der Freiheit des Menschen aus – letztlich selbst auferlegt, um zu funktionieren. Am Schluss wird er gar nicht mehr funktionieren und die Gesellschaft wird ihn für das, was sie ihm angetan hat, ausschließen und bestrafen. Wie bei jeder Tragödie ist ein Gutteil Humor nötig, um sie zu ertragen. Genauso wie ja andersherum die komischsten Ereignisse – ich denke an die Woody Allen-Filme – für den, der sie erlebt, durchaus tragisch sind. Komödie und Tragödie hängen nun einmal fest zusammen.

Sie beschwören eine Literatur, die sich auflöst. Ein literarisches Konzept, das auch stilistisch in Ihrem Buchs thematisiert wird. Eine Frau parliert so vor sich hin, scheinbar im smalltalk, und reflektiert in Wirklichkeit gnadenlos sich und die Welt. Freilich, ohne Geheimnise zu hüten. Eben ganz im Gegenteil. Eine Literatur des „understatements“, der Minimalisierung...
Welcher Briefträger darf heute schon zugeben, dass er ein Hühnerauge hat? Einen bettnässenden Manager wird niemand einstellen. Es läuft alles immer mehr aufs Schweigen und Funktionieren hinaus. Ich sehe da einen Zusammenhang mit dem Neoliberalismus und dem Abbau unseres Sozialstaates. Du giltst ja heute gleich als wehleidig, wenn du dich nicht mit jeder Zumutung abfindest. Ich habe jedenfalls bei meinen Lesungen aus dem „Buch der Enttäuschungen“ immer wieder festgestellt, dass sich die Menschen getröstet fühlen. Einfach nur durch die Tatsache, dass andere auch nicht so funktionieren, wie jeder vorgeben muss, dass er es tut. Manchmal werde ich auch gefragt, ob ich Zweckpessimist sei. Da kann ich nur sagen: Allerdings. Wer will schon angesichts unserer sozialen, politischen und privaten Misere dauernd enttäuscht werden?

Im Buch lesen wir eingangs, dass die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, eben keinen Krimi schreibt, obwohl alle meinen, sie schreibe einen Krimi. Haben Sie etwas gegen Krimis oder, nun als Autorin, gegen Krimis schreibende Kollegen?
Ich hatte immer so eine Abstufung: Bin ich topfit, arbeite ich, bin ich noch fit, lese ich Literatur, werde ich müde, lese ich Zeitungen und Zeitschriften, bin ich erschöpft, lese ich Krimis und wenn gar nichts mehr geht, fernsehe ich. Auf diese Weise habe ich hunderte Krimis gelesen. Irgendwann war ich total leer. So wie nach dem Fernsehen. Erst, nachdem ich selbst versucht habe, einen Krimi zu schreiben, weiß ich warum: Ein Krimi beruht auf Konventionen und   Klischees, das kann man drehen und wenden, wie man will. Die Detektive sind Typen (der Grantler, der Fresssüchtige, der Karrierebewusste etc), die Mörder ebenfalls (der Sadistische, der Masochistische, das Opfer, der Böse, der Geknechtete, der Angepasste). Der Krimi hat- auf einfacher Ebene - die Tragödie ersetzt: Der Detektiv mistet den Augiasstall aus, aber er kann das Böse nie und nimmer ganz von der Welt schaffen. Der Leser identifiziert sich mit dem „Helden“, dem Detektiv, der ein Mensch ist wie du und ich. Die Katharsis ist die Lösung des einen Falles. Dazwischen Gesellschaftskritik. Aber, das ist das entscheidende, der Leser kann sich, so wie bei historischen Romanen zum Beispiel auch, ausklinken, seine Probleme eine Weile vergessen. Das kann er bei wirklicher Literatur nicht.
Ich habe jetzt übrigens gerade einen interessanten Krimi gelesen: Aus der Perspektive des Mörders. Ich wollte schon das mit den Klischees und dem Krimi zurücknehmen, als mich das Klischee dann  am Ende doch eingeholt hat:  Dominante Mutter und schwuler Vater! Doch, aufklärerisch ist der Krimi (im besten Fall) allemal! Übrigens: Ich habe durchaus Achtung vor meinen Kollegen, die Krimis als Form benutzen. Tatsächlich habe ich mich auch darin versucht, und bin – zumindest bis jetzt – aus den angeführten Gründen daran gescheitert. Das kann sich natürlich noch ändern…

In Ihrem Buch heißt der erste Satz: Kinder werden als Schriftsteller geboren – könnte man auch sagen: Der Mensch wird als Schriftsteller geboren und vertreibt sich dann selbst aus diesem „Paradies“ des Geheimnislosen, indem er beginnt, zu verschweigen und zu verdrängen?

Ja, Erziehung und Erwachsenwerden ist nicht nur, aber auch, Vertreibung aus dem Paradies: Anpassung, Verdrängung, Funktionieren. Fragt sich halt nur wozu. Der sich einer gewissenlosen Gesellschaft anpassende, verdrängende, funktionierende Mensch ist ein gewissenloser Mensch.
Aber vergessen wir nicht: Das Kleinkind vergleicht nicht. Es ist. Es wird erwachsen, indem es sich in Bezug setzt zu anderen, seine Allmacht (schmerzhaft) verliert, sich zu schützen und zu verteidigen lernt und sich (hoffentlich) nicht so sehr schützen muss, dass es alles Paradiesische hinter sich lassen muss. Ohne den Vergleich würden wir uns zurückentwickeln  zum Affen. Es ist schon eine Tragödie mit dem Menschen. Sehr komisch eigentlich!

29. 6. 2007
 

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